Indiens Raumfahrt ist nicht nur technisch sondern auch politisch beeindruckend.
Indien ist aus der internationalen Raumfahrt nicht mehr wegzudenken. Schon in den 1960er Jahren hat das Land begonnen, ein eigenes Programm auf die Beine zu stellen. Dass das funktionierte, ist beeindruckend, denn erst 1947 erklärte sich die Nation unabhängig und emanzipierte sich von der britischen Kolonialherrschaft, 1950 trat ihre Verfassung in Kraft. Das Land hat bis heute starke regionalen kulturelle und soziale Unterschiede und es bestehen Konflikte insbesondere mit China und Pakistan.
Umso stärker ist die Leistung zu bewerten, dass bereits 1960 die ersten Höhenforschungsraketen starteten. 1963 war der erste Launch einer amerikanischen Nike Apache vom Startplatz Thumba Equatorial Rocket Launching Station. Der Weltraumbahnhof liegt an der Westküste im Süden des Landes in Richtung des arabischen Meers.
Vater der indischen Raumfahrt ist der Physiker Vikram Sarabhai. Er studierte in Cambridge und kehrte 1947 nach Indien zurück. Dort gründete er u.a. das Physical Research Laboratory und brachte die Gründung der Indian Space Research Organisation (ISRO) auf den Weg, also die indische Weltraumorganisation mit Hauptquartier in Bengaluru.
Als Wissenschaftler stellte er klar, wie wichtig die Raumfahrt auch für ein Land ist, dass mit großer Armut und Hunger zu kämpfen hat: „Wir haben nicht die Fantasie, mit den wirtschaftlich fortschrittlichen Nationen bei der Erforschung des Mondes oder bemannter Flüge zu konkurrieren. Aber wir sind davon überzeugt, dass wir bei der Anwendung fortschrittlicher Technologien auf die realen Probleme der Menschen und der Gesellschaft an zweiter Stelle hinter niemandem stehen dürfen.“
Weltraumbahnhof und erste Satelliten
Der noch heute wichtigste Startplatz, das Satish Dhawan Space Center, wurde 1972 eröffnet. Er liegt im Osten des Landes auf Höhe von Bangalore, auf der Insel Srihrikota. Dort starten vor allem Satelliten.

Der erste Satellit, Aryabahta, wurde allerdings nicht von dort ins All gebracht, sondern mithilfe der Sowjetunion, denn Indien hatte noch keine eigene Rakete. Im Rahmen des sowjetischen „Interkossmos-Programms“ startete Aryabahta in den Erdorbit, wo er u.a. stellare und solare Röntgenstrahlung, Gamma- und Neutronenstrahlung sowie Teilchenstrahlung der Sonne. Es folgten Bhaskara-I (1979), der die Wälder und Ozeane untersuchte und Bhaskara-II (1983), der zusätzlich Geologie mit einer Kamera im sichtbaren und nahinfraroten Licht erfasste.
Kaum ein Beitrag über die Geschichte der indischen Raumfahrt kommt ohne ikonische Bilder aus, bei denen Raketenteile auf einem Fahrrad und ein Satellit auf einem Ochsenkarren transportiert werden. Die Bilder zeigen aber vor allem: Indien weiß, wie es mit den vergleichsweise geringen finanziellen Mitteln bis heute erfolgreich ist. Zu sehen sind der Transport der Nike Apache und der APPLE-Satellit, der 1981 im Rahmen einer ESA-Kooperation ins All gebracht wurde.




Eigene Raketen
Die erste eigene Rakete, das Satelite Launch Vehicle-3 (SLV-3) wurde 1979 erstmal gestartet, allerdings nur mit einem Teilerfolg. 1980 war dann der erste erfolgreiche Start und es wurde der erste von 4 Rohini-Satelliten gelauncht. Damit war Indien nach der Sowjetunion, den USA, Frankreich, Japan, China und Großbritannien die 7. Nation, die einen eigenen Satelliten mit einem eigenen Launcher ins All brachte.
Inzwischen hat Indien mehrere Launch-Vehikel. Das Polar Satellite Launch Vehicle (PSLV) hatte 1994 das Augmented Satellite Launch Vehicle (ASLV) abgelöst und ist bis heute aktiv. Bis 2021 hielt das PSLV den Rekord für die meisten Satelliten, die von einer Rakete bei einem einzelnen Flug ausgesetzt wurden – es waren 104. Übertroffen wurde das von einer Falcon 9 von SpaceX mit 143. Neben dem PSLV sind heute das Geosynchronous Satellite Launch Vehicle sowie das Launch Vehicle Mark-3 (LVM3) und das Small Satellite Launch Vehicle (SSLV) im Einsatz.
Erster Inder im All
Ebenfalls im Rahmen des Interkosmos-Programms zusammen mit der Sowjetunion flog der erste Inder ins All. Rakesh Sharma blieb 1984 für 8 Tage auf der Raumstation Saljut 7.

Indien arbeitet derzeit aktiv daran, ein eigenes Astronautenprogramm zu starten. Unter dem Projektnamen „Gaganyaan“ wird ein Raumschiff entwickelt, das 3 Personen ins All bringen kann. Der erste bemannte Start könnte 2027 stattfinden, derzeit wird die Kapsel regelmäßig getestet.
Flug zum Mars
2013 erreichte Indien als 4. Nation überhaupt den Mars, nachdem das den USA, der Sowjetunion und der ESA gelungen war. Der Mars Orbiter startete im Rahmen der Mangalyaan-Mission mit einer PLSV-X vom SDSC und erreichte den Mars am 24. September 2014. Er war bis 2022 aktiv und lieferte Farbfotos der Marsoberfläche. Er konnte zudem messen, wie viel Wasser von der Marsoberfläche ins All abgegeben wird. So konnte bestimmt werden, wie sich der Planet entwickelte und wie hoch der Wasserverlust ins All ist.
Besonders ist die Mission aber wegen ihrer extremen Kosteneffizienz. Die gesamte Mangalyaan-Mission kostete rund 74 Millionen Dollar und damit weniger als das Budget des Hollywood-Blockbusters Gravity, der im selben Jahr erschien und 100 Millionen Dollar kostete. Parallel startete auch eine Mars-Mission der NASA namens MAVEN, die 671 Millionen Dollar kostete.
Landung auf dem Mond
Bereits 2008 startete die erste Mondmission Indiens: Chandrayaan-1. Die Sonde umkreiste den Mond, bis nach 312 Tagen der Kontakt abbrach. Zuvor konnte sie aber erstmals Wassermoleküle auf der Mondoberfläche nachweisen.
2019 folgte dann Chandrayaan-2. Die Mission sollte ursprünglich mit Roskosmos durchgeführt werden und auf dem Mond landen, Roskosmos sagte aber ab. Die Mission besteht aus einem Orbiter, einem Lander namens Vikram und dem Rover Pragyan. Vikram trennte sich korrekt vom Orbiter, die Landung lief zunächst nach Plan. 500 Meter über dem Boden ging der Kontakt aber verloren. Ein Softwarefehler sorgte dafür, dass der Lander nicht bremste, sondern auf die Mondoberfläche krachte. Die Einschlagstelle wurde dann mit dem Lunar Reconnaissance Orbiter fotografiert. Es konnte kein Kontakt zum Lander und Rover hergestellt werden, der Orbiter ist aber weiterhin aktiv.
Nur 4 Jahre danach gelang die Mondlandung: Am 23. August 2023 setzte der Lander von Chandrayaan-3 auf der Mondoberfläche auf, begleitet von großem Jubel im Kontrollzentrum in Bengaluru. Nur wenige Tage zuvor war die russische Sonde Luna-25 auf dem Mond zerschellt, was den Erfolg der indischem Mission noch unterstrich.
Der Rover Pragyan landete dieses Mal sicher und nahm seine Arbeit Nahe des Südpols auf. An Bord sind eine Seismograph für die Mondbebenmessung sowie Laser Reflektoren um Geschwindigkeitsmessungen zwischen Mond und Erde zu machen. Zudem wird das Mondgestein Regolith untersucht. So konnte dort erstmals Schwefel nachgewiesen werden.
Der Vikram Lander konnte einen kleinen Hüpfer machen und damit Daten für die nächste Lander-Generation liefern. Sie soll Proben vom Mond zur Erde bringen. Dafür soll ein Lander wieder von der Mondoberfläche starten können – und der Hüpfer war ein erster Test dafür. Fast unvorstellbar ist: Auch diese Mission kostete nur 75 Millionen Dollar.
Podcast
Die ganze Folge „Raumfahrtgeschichten“ hört ihr bei YouTube oder überall, wo es Podcasts gibt
