Die Österreicherin Carmen Possnig wurde 2022 als eine von 17 Europäer:innen in von der ESA ausgewählt. Sie ist Teil der Astronaut:innen-Reserve. Ende 2025 hat sie ihr zweites Trainingsmodul bei der ESA abgeschlossen.

Die Einheiten sind ein Mix aus Praxis und Theorie. Im Klassenzimmer lernen sie, wie eine Rakete eigentlich funktioniert, welche mathematischen und technischen Grundlagen erfüllt sein müssen, um zum Mond oder Mars zu kommen. Aber auch, wie man sich psychisch auf das Zusammenleben mit Fremden vieler Nationalitäten auf kleinstem Raum vorbereitet.

Training für die ISS

Der andere Teil ist praktischer. Am Astronautenzentrum in Köln gibt es beispielsweise ein Tauchbecken. Darin werden Nachbauten der ISS-Module versenkt. Im Wasser kann das Gefühl der Schwerelosigkeit nah genug simuliert werden, um die Abläufe im All zu trainieren.

Astronaut:innen müssen genau wissen, wie sie sich entlang der ISS bewegen und absichern müssen. Ein Fehler kann hier das eigene Leben oder das anderer Crew-Mitglieder gefährden.

Inzwischen hilft aber auch Virtual Reality (VR). Damit lernen die Rekrut: innen die Internationale Raumstation bereits digital bestens kennen. Wie Possnig erklärt, hilft das neuen Astronaut:innen merklich, sich auf der ISS zurechtzufinden. Zuletzt lies sich das beim polnischen Reserveastronauten Sławosz Uznański beobachten. Er konnte sich deutlich sicherer in der ISS bewegen, was vor allem auf das VR-Training und eine Vielzahl von Parabelflügen zurückzuführen ist, sagt Possnig im Podcast.

Im Video sieht man die Ankunft der Mission Axiom 4. Sławosz Uznański und seine Kolleg:innen erreichen die ISS im Juni 2025 (bei 3 Stunden 54 Minuten):

Doch nicht nur die Orientierung wird mit VR trainiert. Die Schwerelosigkeit kann bei einigen Menschen zu „Space Sickness“, also Übelkeit führen. Da auch mit einer VR-Brille ein verändertes Körpergefühl simuliert wird, wirkt das Training damit vorbeugend.

Überleben im Eis

Astronaut:innen müssen an ihre Grenzen gehen können. Deshalb werden sie auch darauf auf der Erde vorbereitet. Zum Beispiel mit Überlebens- und Navigationstraining in den Pyrenäen. Das stärkt nicht nur den Teamgeist, sondern bereitet die Teilnehmer:innen auf den Ernstfall vor: Was, wenn das Raumschiff vom Kurs abkommt und irgendwo im nirgendwo landet?

Warum das wichtig ist, zeigte ein Vorfall von 1976. Die beiden Astronauten der Mission Sojus 23 sollten eigentlich zur damaligen sowjetischen Raumstation Saljut 5 fliegen. Sie konnten allerdings nicht an der Station andocken und kehrte nach 2 Tagen zur Erde zurück. Wiktor Wassilijewitsch Gorbatko und Juri Nikolajewitsch Glaskow landeten im teils gefrorenen Tengizsee im heutigen Kasachstan. Aufgrund des starken Schneesturms und Nebels dauerte die Rettungsaktion 11 Stunden. Die beiden Astronauten konnten bewusstlos und unterkühlt, aber lebendig aus der Kapsel gerettet werden.

Daher ist auch ein Eisbad teil des Trainings. „Man beginnt zu hyperventilieren, das ist eine Panikreaktion des Körpers“, beschreibt Possnig die Erfahrung. Im Training musste man so lange im Eisloch in Rostock, Norddeutschland, bleiben, bis man seinen Namen fehlerfrei und ohne stottern sagen konnte.

Carmen Possnig im Eisbad in Rostock (Credit: ESA/Trailhaven)

Das war keine Schikane, sondern soll einerseits zeigen, welche Auswirkungen so ein Kälteschock auf den Körper hat. Andererseits soll es helfen, diese Reaktion zu verstehen und zu überwinden, um im Ernstfall überleben zu können, bis die Rettungskräfte eintreffen.

Weltraummedizinerin

Als Reserveastronautin geht Carmen Possnig im Alltag ihrem regulären Job nach – als Weltraumphysiologin. Sie untersucht die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf den menschlichen Körper. Derzeit macht sie das am Astronautenzentrum in Köln.

Hier gibt es ein großes, internationales Problem: Von den bisher über 600 Menschen im All waren nur etwa 11 % weiblich. „Das ist ein irrsinniges Problem für die statistische Auswertung“, sagt Possnig. Denn auch wenn immer mehr Frauen für ESA, NASA und andere Weltraumagenturen ins All fliegen, gibt es nur wenig gesichertes Wissen darüber, wie ihr Körper darauf reagiert.

Lange Zeit dachte man etwa, Frauen seien immun gegen das sogenannte SANS-Syndrom (Space Flight Associated Neuro-Ocular Syndrome), wobei sich die Anatomie des Auges verändert und die Betroffenen werden weitsichtig. „Dann hat sich herausgestellt, das stimmt überhaupt nicht. Wir hatten einfach viel zu wenig Daten für eine aussagekräftige Statistik.“ Auch der weibliche Zyklus ist kaum erforscht, weil die meisten Astronautinnen ihn im All unterdrücken. Für Langzeitmissionen, etwa zum Mars, fehlen aber entscheidende Daten.

Die Psychologie der Einsamkeit: Wenn das Gehirn schrumpft

Carmen Possnig hat bereits auf der antarktischen Forschungsstation Concordia erlebt, wie sich ein Jahr Isolation anfühlt. Denn nicht nur körperliche, sondern auch psychische Auswirkungen müssen bei Reisen ins All beachtet werden. An der Antarktis konnte Possnig einen Teil davon selbst spüren, zum Beispiel das „antarktische Starren“. Die Betroffenen blicken dabei regungslos in die Ferne, ohne die Welt um sich herum wahrzunehmen. Dieses Starren kann auch nach der Rückkehr in die Zivilisation wiederkommen.

Auch das Gehirn verändert sich. So bildet sich z.B. der Hippocampus zurück, also jener Gehirnbereich, der für die Orientierung notwendig ist. Im monotonen Eis der Antarktis oder der Weite des Weltraums wird dieser Bereich weniger beansprucht und schrumpft. Die Amygdala, die für Emotionen zuständig ist, wächst hingegen – Gefühle werden verstärkt, Stimmungsschwankungen extrem und auch Aggressionen können stärker werden.

Österreichs Weg zu den Sternen

Natürlich ist die Hoffnung vieler Astro-Fans in Österreich, mit Carmen Possnig bald die erste österreichische Frau und die 2. Person überhaupt ins All zu schicken. Seit Franz Viehböcks „Austromir“-Flug im Jahr 1991 gab es keine Astronaut:in aus Österreich mehr. Anders als die Berufsastronaut:innen müssen die Reserve-Mitglieder mit einem Auftrag aus dem eigenen Land betreut werden. Schweden und Polen hat hier sehr schnell reagiert und jeweils schon das Geld für eine solche Mission aufgebracht.

Natürlich wäre es ein großer Sprung für die Forschung, doch da Österreich den Flug selbst bezahlen müsste, sicher keine leichte und vor allem eine politische Entscheidung. Dabei geht es immer auch um Inspiration – wobei Carmen Possnig mit vielen Auftritten und Vorträgen bereits jetzt Vorbild ist: „Ich möchte zeigen, dass es möglich ist. Dass man kein Millionär sein muss, sondern dass es mit der richtigen Motivation und Ausbildung jedes Kind aus einem Bergdorf ins All schaffen kann“.

Podcast

Das gesamte Gespräch mit Carmen Possnig könnt ihr im aktuellen Podcast nachhören.

https://youtu.be/Z7jpZIA_Lxc